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30 Euro Rabatt – und der Preis meiner Daten

Rabatt-Apps, Kundenkarten, Datensammlung und Abo-Modelle: Warum vermeintlich kostenlose Vorteile oft mit persönlichen Daten bezahlt werden.

Neulich stand ich an der Kasse eines Discounters.

Die Kassiererin hatte die letzten Artikel meines Einkaufs gescannt und fragte freundlich:

„Haben Sie unsere App?“

Ich verneinte.

Daraufhin erklärte sie mir, dass ich mit der App bei diesem Einkauf rund 30 Euro hätte sparen können.

30 Euro sind kein Pappenstiel. Gerade in Zeiten steigender Preise dürfte das für viele Menschen ein überzeugendes Argument sein. Die Kassiererin meinte es sicherlich nur gut. Schließlich gehört der Hinweis auf die jeweilige App inzwischen fast schon zum Standardprogramm vieler Handelsketten.

Doch noch bevor ich darüber nachdenken konnte, ob ich gerade tatsächlich auf 30 Euro verzichtet hatte, schoss mir ein anderer Gedanke durch den Kopf:

Wenn mir ein Unternehmen 30 Euro Rabatt gibt – was bekommt es dafür zurück?

Die Frage war nicht als Vorwurf gemeint. Unternehmen müssen Geld verdienen. Daran ist nichts Verwerfliches. Aber kein Unternehmen verschenkt dauerhaft Geld, ohne dafür einen Gegenwert zu erhalten.

Und genau dieser Gedanke ließ mich auf dem Heimweg nicht mehr los.

Als Rabatt noch einfach Rabatt war

Vielleicht liegt es am Alter. Vielleicht aber auch daran, dass ich mich noch an eine Zeit erinnere, in der Rabatte deutlich unkomplizierter waren.

Damals lagen Werbeprospekte im Briefkasten. Sonderangebote wurden mit großen roten Preisschildern beworben. Beim Bäcker gab es eine Stempelkarte und an manchen Tankstellen sammelte man Rabattmarken. Wer ein Angebot nutzen wollte, kaufte das Produkt zum beworbenen Preis. Mehr war nicht erforderlich.

Niemand verlangte eine Registrierung. Niemand wollte eine E-Mail-Adresse. Niemand fragte nach einer Telefonnummer. Niemand erwartete, dass man vor dem Einkauf erst eine App installiert, ein Kundenkonto anlegt und mehrere Datenschutzbestimmungen bestätigt.

Der Rabatt galt einfach für jeden.

Heute scheint diese Welt zunehmend zu verschwinden. Immer häufiger erhalten Kunden die besten Preise nur noch über Apps, Bonusprogramme oder digitale Kundenkonten. Wer nicht mitmacht, zahlt oftmals mehr.

Natürlich ist das bequem. Die Angebote landen direkt auf dem Smartphone, Coupons werden automatisch aktiviert und an der Kasse genügt ein Scan.

Doch genau an diesem Punkt stellte sich mir die Frage, ob wir uns inzwischen nicht längst an einen Tausch gewöhnt haben, über den kaum noch gesprochen wird.

Denn vielleicht bezahlen wir diese Rabatte gar nicht ausschließlich mit Geld.

Der wahre Preis der Bequemlichkeit

Die Rabatt-App im Supermarkt ist dabei nur ein Beispiel von vielen.

Wer heute durch den digitalen Alltag geht, begegnet demselben Prinzip beinahe überall. Die sozialen Netzwerke, die wir täglich nutzen, kosten in der Regel kein Geld. Trotzdem handelt es sich nicht um kostenlose Angebote. Die Betreiber leben davon, möglichst viel über ihre Nutzer zu erfahren, um Werbung gezielt ausspielen zu können.

Ähnlich verhält es sich mit Smartphones. Viele Menschen geben mehrere hundert Euro für ein neues Gerät aus und gehen ganz selbstverständlich davon aus, damit bereits bezahlt zu haben. Tatsächlich beginnt die eigentliche Geschäftsbeziehung oft erst nach dem Einschalten.

Plötzlich soll ein Benutzerkonto angelegt werden. Kontakte werden synchronisiert. Fotos landen in der Cloud. Standortdaten helfen bei der Navigation. Apps möchten Berechtigungen erhalten und digitale Assistenten sollen den Alltag erleichtern.

Nichts davon ist grundsätzlich schlecht. Im Gegenteil. Viele dieser Funktionen sind praktisch und erleichtern den Alltag erheblich.

Dennoch entsteht dabei etwas, das es in dieser Form früher kaum gab: ein digitales Ökosystem, das den Nutzer möglichst langfristig an sich binden soll.

Dasselbe lässt sich inzwischen in vielen anderen Bereichen beobachten. Moderne Fernseher möchten mit dem Internet verbunden werden. Autos werden zu rollenden Computern. Selbst Betriebssysteme drängen ihre Nutzer immer stärker in Richtung Online-Konto.

Wer heute einen neuen Computer mit Windows einrichtet, merkt schnell, dass Microsoft den Nutzer möglichst früh an ein Microsoft-Konto binden möchte. Cloudspeicher, Datensynchronisation und zusätzliche Dienste werden nahtlos integriert. Ähnliche Entwicklungen finden sich bei Google, Apple und zahlreichen anderen Plattformanbietern.

Gleichzeitig beobachten wir eine zweite Veränderung.

Früher kaufte man ein Produkt und besaß es anschließend.

Heute kauft man häufig die Hardware und erhält danach das Angebot, weitere Funktionen gegen laufende Gebühren freizuschalten. Streaming-Dienste haben den Besitz von Filmen und Musik weitgehend ersetzt. Software wird immer häufiger als Abonnement angeboten. Selbst in der Automobilbranche wurde bereits mit Modellen experimentiert, bei denen vorhandene Funktionen erst gegen zusätzliche Zahlungen freigeschaltet werden.

Aus Sicht der Unternehmen ist das nachvollziehbar. Wiederkehrende Einnahmen sind wirtschaftlich attraktiver als einmalige Verkäufe. Für Verbraucher bedeutet es jedoch einen grundlegenden Wandel.

Der Kunde ist längst nicht mehr nur Kunde.

Er ist Nutzer, Datenquelle, Werbezielgruppe und Abonnent zugleich.

Die Daten sind längst da

Wer glaubt, solche Überlegungen seien übertrieben, sollte einen Blick auf die Recherchen rund um die sogenannten Databroker Files werfen.

Lange Zeit war der Handel mit Nutzerdaten für die meisten Menschen nahezu unsichtbar. Erst durch journalistische Recherchen wurde deutlich, welche Mengen an Informationen inzwischen gesammelt, analysiert und gehandelt werden.

Dabei ging es nicht um einzelne Einkäufe oder vereinzelte Standortabfragen.

Es ging um Milliarden von Datensätzen.

Standortinformationen, Bewegungsprofile, Nutzungsverhalten.

Informationen, aus denen sich erstaunlich genaue Rückschlüsse auf den Alltag von Menschen ziehen lassen.

Das Erschreckende daran war für mich weniger die technische Möglichkeit.

Technisch ist heute vieles möglich.

Das Erschreckende war vielmehr die Erkenntnis, dass diese Daten längst existieren.

Nicht irgendwann in einer dystopischen Zukunft.

Sondern heute.

Natürlich stammen solche Informationen nicht automatisch aus einer einzelnen Rabatt-App. Doch sie zeigen, welchen Wert Daten inzwischen besitzen und warum Unternehmen so großes Interesse daran haben, möglichst viel über ihre Nutzer zu erfahren.

Ein weiteres Beispiel lieferte die Recherche „Wir wissen, wo dein Auto steht“, die Ende 2024 für Schlagzeilen sorgte. Auch hier wurde deutlich, wie umfangreich die Datensammlung moderner, vernetzter Fahrzeuge inzwischen geworden ist.

Das Auto war früher vor allem ein Fortbewegungsmittel.

Heute ist es gleichzeitig Computer, Kommunikationsgerät und Datenquelle.

Viele Menschen machen sich darüber kaum Gedanken. Vielleicht weil die Datensammlung schleichend erfolgt. Vielleicht aber auch, weil wir uns längst daran gewöhnt haben.

Muss man das alles akzeptieren?

Nein.

Zumindest nicht vollständig.

Natürlich wird heute kaum jemand völlig auf digitale Dienste verzichten können oder wollen. Das Internet, Smartphones und moderne Technik bieten schließlich auch viele Vorteile.

Dennoch bedeutet Digitalisierung nicht automatisch, jede Form der Datensammlung widerspruchslos hinzunehmen.

Ich selbst nutze beispielsweise seit über zwei Jahren ein Volla Phone. Das Gerät basiert zwar ebenfalls auf Android, verzichtet jedoch weitgehend auf die enge Anbindung an die Google-Dienste, die viele Nutzer von klassischen Android-Smartphones kennen.

Auch bei den Apps gibt es Alternativen. Statt jede Anwendung aus den bekannten App-Stores zu beziehen, nutze ich bevorzugt Open-Source-Software aus dem F-Droid-Store. Dort stehen zahlreiche Anwendungen zur Verfügung, deren Quellcode öffentlich einsehbar ist und die häufig deutlich weniger Daten sammeln als viele kommerzielle Alternativen.

Das macht niemanden unsichtbar.

Es verhindert auch nicht jede Form der Datensammlung.

Aber es zeigt, dass Verbraucher durchaus Wahlmöglichkeiten haben.

Die eigentliche Herausforderung besteht oft darin, diese Alternativen überhaupt noch zu kennen.

Denn immer häufiger entsteht der Eindruck, bestimmte Plattformen, Apps oder Dienste seien alternativlos.

Dabei stimmt das häufig gar nicht.

Fazit

Versteht mich nicht falsch: Ich habe weder etwas gegen Digitalisierung noch gegen Apps oder Rabattprogramme. Jeder Mensch darf selbst entscheiden, welche Daten er preisgeben möchte und welche Vorteile ihm dieser Tausch wert sind. Problematisch wird es für mich erst dann, wenn dieser Tausch unsichtbar wird und wir gar nicht mehr wahrnehmen, dass wir ihn eingehen.

Genau das scheint mir zunehmend der Fall zu sein. Rabatte werden an Apps geknüpft, Produkte an Benutzerkonten und Funktionen an Abonnements. Datensammlung wird immer häufiger zur Voraussetzung für Dienstleistungen, die wir vor einigen Jahren noch ganz selbstverständlich ohne Registrierung oder Nutzerprofil nutzen konnten. Viele Menschen nehmen diese Entwicklung als normalen Bestandteil des digitalen Alltags hin, ohne sich die Frage zu stellen, was sie dafür eigentlich zurückgeben.

Dabei geht es längst nicht mehr nur um personalisierte Werbung oder Rabattcoupons. Die Recherchen rund um die Databroker Files haben eindrucksvoll gezeigt, welche Rückschlüsse sich bereits heute aus großen Mengen von Standort- und Nutzungsdaten ziehen lassen. Werden solche Informationen über längere Zeit gesammelt und miteinander verknüpft, können daraus detaillierte Bewegungsprofile entstehen. Wohnorte, Arbeitsorte, regelmäßige Aufenthaltsorte und persönliche Gewohnheiten werden sichtbar.

Die Frage ist deshalb nicht nur, welche Daten heute erhoben werden, sondern auch, welche Schlüsse morgen daraus gezogen werden können. Informationen, die heute harmlos erscheinen, können in einem anderen Kontext plötzlich eine völlig andere Bedeutung bekommen. Sie können genutzt werden, um Personen gezielt zu verfolgen, ihr Verhalten vorherzusagen oder ihre Gewohnheiten auszuwerten. Spätestens seit dem Krieg in der Ukraine wissen wir zudem, dass Standortdaten nicht nur für Werbung interessant sind. Unter bestimmten Umständen können sie sogar militärische Relevanz erlangen.

Deshalb geht es mir auch nicht darum, Datensammlung grundsätzlich zu verteufeln. Unternehmen haben ein berechtigtes Interesse daran, ihre Produkte zu verbessern, ihre Kunden besser zu verstehen und wirtschaftlich erfolgreich zu arbeiten. Ebenso wenig halte ich jede Form der Analyse oder Auswertung von Daten für verwerflich. Entscheidend ist aus meiner Sicht vielmehr, dass offen kommuniziert wird, welche Daten erhoben werden, zu welchem Zweck dies geschieht und welche Gegenleistung der Nutzer dafür erhält. Transparenz ist keine Nebensache – sie ist die Voraussetzung dafür, dass Menschen überhaupt eine bewusste Entscheidung treffen können.

Vielleicht beschäftigt mich dieses Thema auch deshalb so sehr, weil ich als Betreiber dieser Website genau weiß, welche technischen Möglichkeiten heute existieren. Es wäre ohne Weiteres möglich, umfangreiche Besucherstatistiken zu erfassen, Nutzerprofile anzulegen, Tracking-Dienste einzubinden oder Daten an Werbenetzwerke weiterzugeben. Die Werkzeuge dafür sind leicht verfügbar und werden von vielen Webseiten ganz selbstverständlich genutzt.

Ich habe mich bewusst dagegen entschieden.

Nicht weil es technisch unmöglich wäre. Nicht weil sich daraus kein wirtschaftlicher Vorteil ergeben könnte. Sondern weil ich der Überzeugung bin, dass Menschen eine Website besuchen können sollten, ohne dabei permanent beobachtet, analysiert und bewertet zu werden. Wer diese Seite besucht, soll Informationen lesen können, ohne gleichzeitig Teil eines Werbeprofils zu werden.

Natürlich werde ich damit die digitale Welt nicht verändern. Aber jede Entscheidung beginnt im Kleinen. Unternehmen treffen Entscheidungen. Webseitenbetreiber treffen Entscheidungen. Und auch wir als Nutzer treffen Entscheidungen – jeden Tag.

An der Kasse habe ich auf die 30 Euro Rabatt verzichtet. Ob das wirtschaftlich die klügste Entscheidung war, darüber kann man sicherlich diskutieren. Für mich war jedoch etwas anderes wichtiger: Ich möchte selbst bestimmen können, wann ich meine Daten gegen einen Vorteil eintausche und wann nicht.

Denn die Frage lautet heute längst nicht mehr nur, was ein Produkt kostet.

Sondern zunehmend auch, wem wir Einblick in unser Leben geben – und welchen Preis wir dafür zu zahlen bereit sind.


Weiterführende Quellen und Recherchen

Wer sich näher mit den Themen Datenhandel, Tracking, Bewegungsprofile und vernetzte Fahrzeuge beschäftigen möchte, dem empfehle ich folgende Quellen:

Databroker Files – netzpolitik.org & Bayerischer Rundfunk

Eine der umfangreichsten deutschsprachigen Recherchen zum Handel mit Standortdaten. Die Databroker Files zeigen, wie aus angeblich anonymen Werbe- und Standortdaten detaillierte Bewegungsprofile entstehen können und welche Risiken daraus für Privatsphäre und Sicherheit erwachsen. Die Recherche dokumentiert unter anderem einen Datensatz mit 3,6 Milliarden Standortdaten aus Deutschland, die Rückschlüsse auf Wohnorte, Arbeitsorte und persönliche Gewohnheiten ermöglichen.

Standortdaten als Sicherheitsrisiko

Die Recherchen zeigen, dass Standortdaten weit mehr verraten können als nur Einkaufs- oder Bewegungsgewohnheiten. Sie ermöglichen Rückschlüsse auf Regierungsmitarbeiter, Militärangehörige oder Mitarbeiter sensibler Einrichtungen und werfen damit auch Fragen der nationalen Sicherheit auf.

„Wir wissen, wo dein Auto steht“ – Chaos Computer Club

Ende 2024 machte der Chaos Computer Club mit einem Vortrag über ein Datenleck im Volkswagen-Konzern auf die Risiken vernetzter Fahrzeuge aufmerksam. Dabei ging es um Bewegungsdaten von rund 800.000 Fahrzeugen sowie Kontaktinformationen von Fahrzeughaltern. Die Präsentation zeigt eindrucksvoll, welche Rückschlüsse moderne Fahrzeugdaten ermöglichen.

Dokumentation: Gefährliche Apps – Im Netz der Datenhändler

Die Dokumentation des Bayerischen Rundfunks beleuchtet die Databroker-Files-Recherche und zeigt anhand konkreter Beispiele, wie Standortdaten gehandelt werden und welche Folgen dies für Verbraucher haben kann.

Datenschutzfreundliche Alternativen

Für Leser, die sich mit datensparsamen Alternativen beschäftigen möchten: