Manchmal ist es schon erstaunlich, wenn man nach zehn oder elf Jahren noch einmal auf alte Forderungen schaut. 2015/2016 haben wir uns bei AIDT e.V. intensiv mit dem Thema eCMR – dem digitalen Frachtbrief – beschäftigt. Damals ging es uns nicht darum, den Fahrer mit noch mehr Kontrolle und Überwachung zu überziehen.
Unsere Überlegung war eine andere
Wenn ein Transport ohnehin digital dokumentiert wird, warum nutzen wir diese Informationen nicht endlich sinnvoll? Warum müssen Behörden bei grenzüberschreitenden Transporten immer wieder dieselben Unterlagen zusammensuchen? Warum können Informationen, die in einem europäischen Binnenmarkt ohnehin vorhanden sind, nicht sicher, nachvollziehbar und unter klaren Zugriffsregeln zwischen den zuständigen Behörden ausgetauscht werden? Unser damaliges Exposé ging deshalb weit über die reine Ablösung des Papierfrachtbriefs hinaus. Wir wollten einen transparenten digitalen Transportvorgang schaffen. Und jetzt lohnt sich ein Blick auf das, was die Europäische Union im September 2026 tatsächlich auf den Weg gebracht hat.
Die Europäische Kommission hat am 15. September ihr Paket für faire Arbeitskräftemobilität vorgestellt. Ein Bestandteil ist ein konkreter Vorschlag zur Stärkung der Europäischen Arbeitsbehörde ELA. Noch ist das kein geltendes Recht. Der Vorschlag muss zunächst durch das Europäische Parlament und den Rat. Aber der Inhalt ist bemerkenswert.
Die ELA soll künftig – sofern der Vorschlag beschlossen wird – unter anderem besseren Zugang zu Informationen aus IMI, ERRU und EESSI erhalten. Auch Informationen aus Entsendemeldungen sollen für bestimmte Aufgaben zugänglich werden. Diese Daten sollen unter anderem für Analysen und Risikoanalysen genutzt werden. Und die ELA soll künftig sogar aus eigener Initiative koordinierte oder gemeinsame grenzüberschreitende Kontrollen anregen können.
Wichtig dabei: Eine europäische Super-Kontrollbehörde entsteht dadurch nicht. Die eigentlichen Kontrollen bleiben bei den Mitgliedstaaten und benötigen deren Zustimmung.
Aber die Richtung ist eindeutig
Weg von der Kontrolle einzelner Dokumente – hin zur Auswertung miteinander verbundener Informationen. Und parallel dazu läuft bereits die nächste Entwicklung. Mit der europäischen eFTI-Verordnung wird der elektronische Austausch von Frachtinformationen Realität. Ab dem 9. Juli 2027 müssen die Mitgliedstaaten elektronische Frachtinformationen über zertifizierte eFTI-Plattformen akzeptieren. Die Behörden sollen bei Kontrollen auf die entsprechenden digitalen Informationen zugreifen können. Noch interessanter ist, dass die ELA bereits Anfang 2026 gemeinsam mit der Europäischen Kommission ausdrücklich darüber beraten hat, wie eFTI künftig für Kontrollen, einschließlich der Kontrolle von Entsenderegeln für Fahrer, eingesetzt werden kann.
Damit sind wir plötzlich sehr nah an einer Vision, über die wir bei AIDT schon vor mehr als zehn Jahren gesprochen haben.
Der digitale Frachtbrief könnte künftig nicht mehr nur beweisen, was geladen wurde und wohin es geht.
Er könnte – zusammen mit anderen europäischen Informationssystemen – dazu beitragen, den gesamten Transportvorgang nachvollziehbarer zu machen:
- Wer ist das Transportunternehmen?
- Wo wurde der Transport beauftragt?
- Welche Fahrt wurde tatsächlich durchgeführt?
- Welche Entsendung wurde gemeldet?
- Welcher Sozialversicherungsschutz liegt vor?
- Welche Informationen sind in den unterschiedlichen europäischen Systemen hinterlegt?
Und passen diese Informationen überhaupt zusammen?
Genau hier liegt für mich die eigentliche Chance. Denn Digitalisierung muss nicht automatisch bedeuten, dass der Fahrer immer stärker überwacht wird. Richtig eingesetzt kann Digitalisierung auch bedeuten, dass endlich diejenigen sichtbar werden, die sich bisher hinter komplizierten Firmenkonstruktionen, Subunternehmerketten und grenzüberschreitenden Zuständigkeiten verstecken konnten.
Das war einer der Gedanken hinter unserem damaligen eCMR-Exposé.
Nicht:
„Kontrolliert den Fahrer besser.“
Sondern:
„Macht den Transport nachvollziehbarer.“
Wenn beispielsweise ein digital dokumentierter Transport, die Unternehmensdaten, Entsendemeldung und Sozialversicherungsinformationen miteinander abgeglichen werden können, entsteht etwas, das wir seit Jahren gefordert haben:
eine Kontrolle des Systems statt einer permanenten Kontrolle des Schwächsten im System.
Natürlich gibt es dabei eine zweite Seite. Je mehr Daten miteinander verknüpft werden, desto wichtiger werden Datenschutz, Zweckbindung, Zugriffskontrolle, Transparenz und vor allem die Möglichkeit, falsche Daten korrigieren zu lassen. Denn ein falscher Datensatz darf nicht automatisch dazu führen, dass ein Unternehmen oder ein Fahrer zum „Risikofall“ wird.
Deshalb war und ist für mich entscheidend
Digitalisierung ja – aber transparent, nachvollziehbar und mit klaren Regeln. Was wir damals als Vision formuliert haben, bekommt heute langsam die technischen und rechtlichen Bausteine. Der eCMR allein wird Europa nicht verändern.
Aber die Verbindung von eFTI + IMI + ERRU + EESSI + Entsendedaten + Risikoanalyse könnte tatsächlich einen europäischen Informationsverbund entstehen lassen, mit dem grenzüberschreitende Transporte wesentlich transparenter kontrolliert werden können.
Ob daraus am Ende ein Instrument für fairen Wettbewerb und bessere Arbeitsbedingungen wird oder lediglich ein immer dichteres Kontrollnetz, hängt davon ab, wie diese Systeme ausgestaltet und genutzt werden. Genau deshalb lohnt es sich, bei dieser Entwicklung sehr genau hinzuschauen. Denn vielleicht ist das, was wir 2015 für die Zukunft des eCMR beschrieben haben, inzwischen gar nicht mehr so weit von der europäischen Realität entfernt.
Manchmal brauchen gute Ideen einfach ein paar Jahre länger, bis die Politik und die Technik soweit sind.

