Offener Brief: Ist das Ferienfahrverbot für Lkw noch zeitgemäß?
In den vergangenen Tagen wurde viel über die mögliche Abschaffung von Lkw-Fahrverboten an nicht bundeseinheitlichen Feiertagen diskutiert. Dabei ist mir eine andere Frage in den Sinn gekommen, über die aus meiner Sicht ebenfalls gesprochen werden sollte:
Ist das Ferienfahrverbot für Lkw in seiner heutigen Form überhaupt noch zeitgemäß?
Ich stelle diese Frage nicht als Politiker, Wissenschaftler oder Unternehmer, sondern als Berufskraftfahrer mit rund 30 Jahren Berufserfahrung. Als ehemaliger Betriebsratsvorsitzender und Betreiber eines Fachblogs für Berufskraftfahrer beschäftige ich mich seit vielen Jahren mit den Auswirkungen gesetzlicher Regelungen auf den Berufsalltag von Fahrerinnen und Fahrern.
Das Ferienfahrverbot wurde eingeführt, um den Reiseverkehr während der Sommerferien zu entlasten. Dieses Ziel ist grundsätzlich nachvollziehbar. Allerdings hat sich die Welt seit Einführung dieser Regelung erheblich verändert.
Unsere Autobahnen wurden ausgebaut, moderne Verkehrslenkungssysteme sind entstanden und die Logistik hat sich zu einem hochkomplexen Wirtschaftszweig entwickelt, der auf präzise Lieferketten angewiesen ist. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob das Ferienfahrverbot heute tatsächlich noch den gewünschten Effekt erzielt oder ob es lediglich zu einer Verlagerung des Verkehrs führt.
Die Waren verschwinden schließlich nicht, nur weil an bestimmten Samstagen Fahrverbot herrscht. Transporte werden stattdessen häufig vorgezogen oder nachgeholt. Das erzeugt zusätzliche Belastungsspitzen vor und nach den Verbotszeiten. Aus meiner beruflichen Praxis kenne ich Situationen, in denen Fahrzeuge und Fahrer unter erheblichem Zeitdruck stehen, um noch rechtzeitig vor Beginn des Fahrverbots ihr Ziel zu erreichen.
Hinzu kommen wirtschaftliche und ökologische Aspekte. Transporte müssen teilweise über längere Alternativrouten geplant oder zeitlich anders organisiert werden. Dadurch entstehen zusätzliche Kosten, ein höherer Kraftstoffverbrauch und vermeidbare CO₂-Emissionen.
Auch die Auswirkungen auf die Verkehrsströme sollten kritisch betrachtet werden. Wenn bestimmte Streckenabschnitte nicht genutzt werden dürfen, bedeutet das nicht zwangsläufig weniger Verkehr. Häufig wird dieser lediglich auf andere Straßen verlagert. Ob dadurch tatsächlich eine Entlastung erreicht wird oder lediglich andere Regionen und Ortsdurchfahrten stärker belastet werden, sollte auf Grundlage aktueller Daten untersucht werden.
Besonders wichtig ist mir jedoch die menschliche Seite dieser Diskussion.
Viele Fahrer im Fernverkehr versuchen, ihre Wochenenden bei ihren Familien zu verbringen. Das Ferienfahrverbot führt jedoch nicht selten dazu, dass Fahrer ihr Zuhause aufgrund der verbleibenden Lenk- und Arbeitszeiten nicht mehr rechtzeitig erreichen können. Statt das Wochenende mit der Familie zu verbringen, müssen sie auf Rastanlagen oder Autohöfen verbringen.
Wer nicht selbst im Güterverkehr tätig ist, unterschätzt häufig, welche Belastung lange Abwesenheiten für Familien und Beziehungen darstellen können. Der Beruf des Kraftfahrers verlangt bereits heute erhebliche persönliche Opfer. Zusätzliche Hürden, die Heimfahrten erschweren oder verhindern, sollten daher zumindest kritisch hinterfragt werden.
Mir geht es ausdrücklich nicht darum, freie Wochenenden oder Erholungszeiten für Fahrer infrage zu stellen. Viele Kolleginnen und Kollegen schätzen diese Ruhezeiten und nutzen sie bewusst zur Erholung. Die Frage ist vielmehr, ob das bestehende Ferienfahrverbot heute noch das geeignete Instrument ist, um seine ursprünglichen Ziele zu erreichen.
Deshalb würde ich mir wünschen, dass Politik und Verwaltung diese Regelung einer modernen und ergebnisoffenen Evaluation unterziehen.
Dabei sollte untersucht werden:
- Erfüllt das Ferienfahrverbot heute noch seinen ursprünglichen Zweck?
- Welche tatsächlichen Auswirkungen hat es auf den Verkehrsfluss?
- Welche wirtschaftlichen Folgen entstehen für Unternehmen?
- Welche ökologischen Auswirkungen haben Verkehrsverlagerungen und Alternativrouten?
- Welche sozialen Folgen ergeben sich für Fahrer und ihre Familien?
Eine Regelung, die seit Jahrzehnten besteht, sollte regelmäßig darauf überprüft werden, ob sie unter heutigen Bedingungen noch sinnvoll und verhältnismäßig ist.
Ich würde mich freuen, wenn diese Diskussion sachlich geführt wird und dabei sowohl die Interessen des Reiseverkehrs als auch die Lebensrealität der Menschen berücksichtigt werden, die täglich dafür sorgen, dass Supermärkte, Industrie und Wirtschaft zuverlässig versorgt werden.
Hinweis:Dieser offene Brief wurde am 17. Juli 2026 an das Bundesministerium für Verkehr sowie an Bundestagsabgeordnete des Hochsauerlandkreises versandt. Eingehende Antworten werden – sofern zulässig – dokumentiert und veröffentlicht.

